Gedanken für den Monat September von Rabbinerin Jasmin Andriani

Das Shofar

Ein Relikt aus uralten Zeiten
Ist mir heute gegeben.
Es erinnert mich an das Knistern der Seiten
Von G´ttes Buch vom Leben.

Nicht aus Plastik oder Metall
Wurde es geschafft.
Ertönen kann sein Schall
Nur durch des Widders Kraft.

Trocken und spröde liegt es in meiner Hand
Zum Mund führe ich es mir.
Der Ton ist gleichsam fremd und doch so bekannt
G´tt, ich will zurück kehren zu dir!

Das Shofar begleitet uns durch Rosh Hashana und Yom Kippur. In der Torah heißt das Neujahrsfest nicht Rosh Hashana, sondern Yom Truah, der Tag des Hornklangs. Im Talmud wird ausgeführt, dass es eine Mitzwa ist, das Shofar an diesen Feiertagen zu hören. Nicht das Blasen ist unsere Pflicht, sondern das Hören des Klangs. Es entspannt sich im Talmud eine sehr interessante Diskussion darüber, ob wenn ein Mensch in einem tiefen Brunnen steckt oder in einer Höhle, ob er seine Mitzwa erfüllt, wenn er nur den Widerhall des Horns
hört, der an den Mauern hallt, und nicht direkt das Shofar. Der Shulchan aruch hält später fest: das geht nicht. Man hat seine Mitzwa nur erfüllt, wenn man den Klang direkt hört. Diese Meinung ist in heutiger Zeit sehr interessant, wenn es um die Möglichkeit elektronischer Übermittlung geht wie etwa Radio oder Internet. Also ich muss euch enttäuschen: Ihr könnt euch keine CD mit Shofarklang kaufen, wenn ihr die Mitzwa erfüllen wollt. Ihr müsst schon in die Synagoge kommen.
Auch ein beiläufiges Hören gilt nicht als Pflichterfüllung. Wir müssen es bewusst wahrnehmen und uns darauf konzentrieren.
Es soll uns als Wecker dienen. Uns aufwecken aus unserem Alltagsschlaf und uns mahnen Teshuvah zu machen. Zu uns und zu G´tt zurück zu finden. Eine „noch 10 Minuten weiterschlafen“- Funktion gibt es nicht. Natürlich schlafen wir nicht wirklich. Unsere Körper sind sogar überwach. Ständig beschäftigt, ständig an der Belastungsgrenze. Aber unsere Spiritualität schlummert. Unsere Seele braucht mehr als nur den Alltagsstress zu bewältigen. Auch um uns an sie zu erinnern, tönt das Shofar.
In der Bibel wird das Shofar abgesehen von der Verwendung an den Hohen Feiertagen, sehr oft genannt. Es begegnet uns eindrücklich als die Israeliten rund um den Berg Siani in der Wüste lagerten. Die Begegnung mit G´tt und die Offenbarung der 10 Gebote steht kurz bevor: „Und es geschah am dritten Tage, als es Morgen geworden, da waren Donner und Blitze und ein schweres Gewölk auf dem Berge und ein sehr starker Hörnerschall [Kol Shofar], dass erbebte das ganze Volk, welches im Lager.“ (Ex 19,16) Die Stimme des Shofars ist hier einerseits Mahnung an das Volk, sich nicht dem Berge zu nähern, und anderseits ein Zeichen für G´ttes Präsenz. Es bleibt verborgen, wer hier das Shofar eigentlich bläst. Woher kommt der Ton? Die Israeliten sind es nicht. Ist es G´tt selber? In unserer täglichen Liturgie, in der Amida, scheint es, als hätte G´tt tatsächlich auch ein Shofar: „Teka beShofar gadol lecherutenu“, „Stoße in das große Shofar zu unserer Befreiung“ heißt es dort an G´tt gerichtet. G´tt kommuniziert also mit uns durch das Shofar. Aber auch sehr menschlichen Zwecken dient das Shofar. So bringen etwa die Israeliten die Mauern von
Jericho durch Shofarklang zum Einstürzen, Ehud ben Gera versammelt das Heer durch Shofarblasen zum Krieg gegen Moab und Gideon bläst das Shofar als Signal des Angriffs auf Midian und Amalek. Das Shofar wird hier als Kriegshorn verwendet. Wir kennen aus europäischen Jagdszenen das Jagdhorn. So ähnlich
etwa muss es gewesen sein. Heute allerdings steht das Shofar ganz und gar nicht für Krieg und Zerstörung. Es ist ein Symbol für Frieden
und Hoffnung. Liebe Gemeindemitglieder, lasst uns versuchen dieses Jahr das Schofar bewusst zu hören. Der Schall soll unsere Seelen wecken und in uns die Hoffnung auf ein friedliches und gesundes neues Jahr 5782 nähren.
Schana tova umetukah!
Eure Rabbinerin Jasmin Andriani

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