Ansprache zu Rosh Haschana 5781 von Dr. Rebecca Seidler

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freundinnen und Freunde,

bevor ich einen kleinen Ausblick auf das kommende Jahr 5781 gebe, möchte ich mit Euch zurückschauen. An der Schwelle zwischen dem alten und neuen Jahr halten wir inne und sind angehalten darüber nachzudenken, was wir aus dem vergangenen Jahr gemacht haben.

 

Es war kein einfaches Jahr für uns. Es begann mit einem erschütternden Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur, der uns mitten ins Herz traf. An dem Tag waren wir als Gemeinde versammelt und mussten mit der Ungewissheit umgehen, was dort eigentlich passiert war.

 

Es war ein deutscher Rechtsextremist, der sich zur Aufgabe gemacht hatte, möglichst viele Jüdinnen und Juden umzubringen. Er erreichte sein Ziel dank einer Holztür nicht.

 

Noch im Oktober trafen wir uns mit Politik und Polizei. Man versprach uns umgehende Hilfe bei der Umsetzung von erhöhten Sicherheitsmaßnahmen. Das Wort umgehend klingt heute wie Hohn in unseren Ohren – denn bis heute sind seitens der Politik keine Taten erfolgt.

 

Doch auf eines konnten wir uns verlassen: auf unsere jüdische Gemeinde. Dank zahlreicher Spenden und Dank des ehrenamtlichen Engagements unseres internen Sicherheitsteams, konnten wir unser Gemeindeleben aufrechterhalten. Vieles davon ist nicht sichtbar, aber es steckt viel Arbeit und Zeit dahinter. Vielen Dank an das ganze Sicherheitsteam!

 

Nachdem unser Jahr mit dieser Verunsicherung begann, freuten wir uns auf den Frühling – es stand eine große Purimparty an und wir steckten in den Vorbereitungen für unseren großen Sederabend. Auch unsere Mitgliederversammlung samt Neuwahl wurde generalstabsmäßig organisiert.

Ja, wir hatten viel vor. Und dann kam der Lockdown: alle Veranstaltungen mussten aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden, die Gemeinde musste ihre Türen schließen.

 

Das, was unsere jüdische Gemeinde ausmacht, die Gemeinschaft, das Füreinander da sein, das persönliche Gespräch – all dies wurde nun eingeschränkt.

Umgehend wurden durch viele Helfer_innen Hilfspakete zusammengestellt und zu unseren älteren Gemeindemitgliedern nach Hause gebracht. Wir mussten nicht lange herumfragen, wer hilft, sondern zahlreiche Mitglieder boten ihre Hilfen an – an dieser Stelle möchte ich ausdrücklich dem ganzen Helferteam danken!

 

Zugleich entwickelten wir einen Ersatz für unsere ausgefallenen G’ttesdienste und konnten schließlich Dank unserem Kantor Assaf Levitin und durch Mitwirkung unserer Rabbinerin Jasmin Andriani und unserem Senior-Rabbi Gabor Lengyel jeden Freitag einen Shabbatabend durch Videokonferenzen anbieten. Zunächst waren diese gewöhnungsbedürftig, aber so konnten wir im Kontakt bleiben, wir sprachen über einzelne Thora-Abschnitte, tauschten uns aus und konnten so doch einen Hauch von religiösem Miteinander erleben.

 

Auch unser Team der Kita Tamar entwickelte für jede Woche ein Shabbat-Video, um den Kontakt zu den Kindern und Familien aufrecht zu halten – vielen Dank an das Kita-Team für Eure Kreativität!

 

Die ersten Kabbalath Shabbat-Abende nach dem Lockdown waren für alle zunächst eigenartig – Hände desinfizieren, 1,5m Abstand, kaum Stühle in der Synagoge, kein Mitsingen und kein ausgiebiger Kiddush! Und trotzdem: wir kamen endlich wieder zusammen. Die G’ttesdienste wurden musikalisch von unserer Stella Perevalova begleitet, damit diese stimmungsvoller waren – das ist auch gelungen, vielen Dank!

 

Am 12. Juli konnte schließlich unsere reguläre Mitgliederversammlung samt Neuwahl nachgeholt werden. Es war ein aufregender Tag für uns alle – für die ganze Gemeinde.

Wir alle waren erleichtert, dass alles so harmonisch und reibungslos verlief und auch über das Ergebnis freuen wir uns sehr! Ursprünglich war ein großer Kiddush zu Ehren von Ingrid Wettberg, Katarina Seidler, Alisa Bach und Faina Shlafman geplant – als Dankeschön für den unermüdlichen und herausragenden Einsatz für den Aufbau unserer Gemeinde – wir werden diesen gebührend nachholen, denn sie haben es verdient, gefeiert zu werden!

 

Nun steht ein neues Jahr vor uns:

 

Viele Aufgaben und Herausforderungen stehen an – die Sicherheit jüdischen Lebens und die Belebung des Gemeindelebens unter den Hygienebestimmungen stehen hier im Fokus. Es wird sicher auch in diesem Jahr noch nicht so laufen, wie wir alle es uns ersehnen.

 

Das nächste Jahr steht bundesweit unter dem Motto „1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland“. Wir planen gemeinsam mit unserem Landesverband jüdische Kulturtage, um die Facetten jüdischen Lebens sichtbar zu machen. Durch Kunstausstellungen, Buchvorlesungen und Konzerte wollen wir hier einen lebendigen Ort jüdischen Lebens schaffen.

 

Rosh Hashana ist unser Neujahrstag – der Tag des Anfangs, der Erneuerung. Auch der Veränderung. Aber was möchten wir erneuern? Was verändern? Diese Fragen erreichten uns oft in den letzten Wochen.

 

Doch in erster Linie geht es bei diesen Fragen um uns selbst, ganz persönlich.

 

Was möchte ich erneuern, was verändern? was bin ich bereit zu tun und zu geben? Wir sollten uns nicht darauf konzentrieren, unsere Erwartungen anderen gegenüber auszudrücken, was diese jetzt zu tun haben. Sondern es geht vielmehr um ein Miteinander: was kann ich tun, damit unsere jüdische Gemeinschaft lebt, wächst und Gutes tut. Nur durch die eigene Reflektion, das eigene Handeln, können wir gemeinsam diese wundervolle Gemeinde zu einem jüdischen Zuhause werden lassen. Unsere Gemeinde lebt von jedem einzelnen Mitglied. Und da es an uns liegt, Gutes zu tun, sollten wir uns heute dafür entscheiden.

In diesem Sinne: Shana tova

 

 

 

 

 

 

 

 

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